Ein Auszug aus meinen Mitschriften.

Diesen Text habe ich geschrieben, als ich nach meiner Reise mit dem Bus in der Hängematte saß, nachdem ich heile angekommen bin und mich über mich selbst und mein Misstrauen geärgert habe.

Indien. Es ist laut, es ist dreckig, die Gerüche beißen in der Nase, ohne Rücksicht reizt der Smok den Magen. Es ist eng, es ist heiß, die Menschen starren. Normalerweise türmen sie sich, um noch gerade so in den Bus, das Tuk Tuk oder auf den Truck zu passen. Doch jetzt sitze ich hier. Alle machen einen Bogen um mich, unterhalten sich über mich und starren. Etwas verlegen lächle ich zurück. Es ist dunkel, ich bin allein unterwegs, es liegen noch vier Stunden Fahrt vor mir. 
Entgegen jedem Rat habe ich mich heute Abend für die öffentlichen Verkehrsmittel anstelle eines Taxis entschieden. Ich bin gelangweilt von Geborgenheit und vom Behütet- Sein meiner vorherigen indischen Reisewege. Erste Klasse, Taxi, eigener Fahrer – all die Annehmlichkeiten wenn man dort arbeitet. Nach meinem Job an der Ostküste bin ich los, das Land sehen. Und sitze jetzt hier. Das war ein Fehler. Alle starren. Ich krame in meinem Rücksack nach meinem Tuch, um mir die Haare weg zu binden, zu bedecken. Ich ärgere mich, meine komplette Kameraausrüstung neben mir stehen zu haben – ein Grund mich angreifbar zu machen? Und ich erwische mich wieder dabei, wie ich unter meine Bluse fahre, um zu kontrollieren ob mein Reisepass und meine Kreditkarte noch da sind. Ängste und Misstrauen ohne Ende. Logisch, dass man kontrolliert. Nicht nur seine Gedanken im Sinne von: ist es übertrieben das zu denken? Panikmache? Denk dran, du bist als Frau allein unterwegs, im Dunkeln – blond, naiv und angespannt.
Seine Gegenstände ständig und immer zu kontrollieren. Warum? Es nervt, spannt an. Also lächle ich tapfer zurück und biete einem Kind den Platz neben mir an. Nach einiger Überwindung nimmt der Junge Platz und pult an seinen Händen rum. Der ganze Bus ist vollgestopft und wild am gestikulieren, reden und schimpfen. Nur er und ich schweigen. 
Dann guckt er hoch, legt seine Hand auf die Brust und sagt seinen Namen. Dann fragt er nach meinem. Und dann nach einem Selfie. Für seinen Vater. Ehe ich mich retten kann stehen alle Kinder um mich rum, fassen mich an, fragen nach meinem Namen, tuscheln und kichern. Ich verstehe sie nicht und sie verstehen mich nicht.
Und trotzdem: Während der vier Stunden Fahrt hat der ganze Bus einmal neben mir Platz genommen, die Hand auf die Brust gelegt seinen Namen gesagt und ein Selfie gemacht. Erst die Kinder, dann irgendwann die jungen Frauen und ein paar Männer, die sich getraut haben. Wir haben uns alle nicht verstanden. Aber jeder hat mich angelächelt. 
Es war so voll im Bus, dass die Fahrgäste sich an der Decke hochgezogen haben, um Ein- und Aussteigende durchzulassen – oder eben zu mir durchzulassen. Kein Platz für Privatsphäre (im ganzen Land habe ich das Gefühl). 

Auf Ängste habe ich meist mit Begegnungen reagiert. Um mir selbst die Angst zu nehmen und um zu versuchen, nicht im „Ich“ und „Ihr“ zu denken. Mich nicht als Zaungast durch das Land zu bewegen.
Während meiner Reise habe ich meine Begegnungen porträtiert. Nach langen Unterhaltungen oder nach gemeinsamen Erlebnissen. Jeder abgebildete Charakter war mir nach seinem Selbstbewusstsein auf irgendeine Weise vertraut vor der Kamera.
Das „Ich“ und „Ihr“ zu überwinden, habe ich nie ganz geschafft. Es war zu viel, zu fremd, zu gewaltig und gewalttätig. Aber auf Angst, Freunde, Schüchternheit, oder auch auf mein Genervt-Sein (WUT), habe ich versucht dem Gegenüber zu begegnen. Und zu porträtieren.